Von den Rockies nach Whistler
Man lernt schnell, dass Entfernungen in Kanada reine Ansichtssache sind. Am Tag zuvor wurden wir von einer Mitarbeiterin in einem Café noch dafür belächelt, dass wir die Strecke nach Whistler nicht schnell noch nachmittags beginnen. So weit sei es ja nun auch nicht und sie fahre sonntags gerne mal nach Whistler. Wir entscheiden uns aber die knapp neunstündige Fahrt auf zwei Tage zu strecken. Und wir liegen gut damit. Roadblocks verschiedener Art ziehen die Fahrzeit in die Länge: Erst verbringen wir 15 Minuten vor einem Bahnübergang, bis ein (!) Güterzug durchgefahren ist, dann beherrscht ein Wapiti die Fahrbahn, bevor wir nach knapp zwei Stunden wieder für 30 Minuten vor einer Baustelle warten, um weitergewunken zu werden.
Die Strecke ist schön, aber relativ unspektakulär. Für das Abendessen und einen kurzen Spaziergang stoppen wir an den Bride Lake Ice Caves: keinen Umweg wert, aber ein netter Stop.
Lilloet lassen wir uns bis auf einen schönen Ausblick auf die über 100 Jahre alte Hängebrücke über den Fraser River rechts liegen. Einer der heißesten Orte Kanadas ist im August nicht unbedingt unser ersehntes Ziel und die Wahrscheinlichkeit zufällig über Gold oder Jade zu stolpern, erscheint uns doch äußerst gering.
Whistler
Auf dem „Sea to Sky Highway“, der als einer der schönsten Straßen der Welt geführt wird, nähern wir uns Whistler. Aber was sollen wir sagen? Seit dem Icefields Parkway sind unsere Ansprüche (unerhört) gestiegen, aber wir genießen die Fahrt mit einem Picknick-Stop an der Cinnamon Recreation Area und der Erkundung des Nairn Falls Provincial Parks. Ein kleiner Naturpark mit Wasserfällen, die Assoziationen mit Waschmaschinen wachwerden lassen. Nicht tagesfüllend, aber zum Ausschütteln der Beine genau das Richtige.
Ein absolutes Highlight in Whistler wollen wir uns auf keinen Fall entgehen lassen: eine Fahrt in der Peak 2 Peak Gondola mit ihren kilometerlangen frei hängenden Kabeln. Hochmotiviert bei bestem Wetter im Anschluss an die Gondelfahrt auch noch auf den Gipfel des Black Comb Peak zu laufen, machen wir uns auf den Weg. Auch am Lift versichert man uns, dass wir es zeitlich locker schaffen sollten, bevor die letzte Bahn auf der anderen Seite des Tals wieder runterfährt. Also hüpfen wir in die erste Seilbahn zum Whistler Mountain und gehen gleich zielstrebig weiter zur Peak 2 Peak Gondola. Dort stellen wir uns für eine Gondel mit Glasboden an. Und warten. Sehr lang. Noch länger. Zu lange. Denn die Bahn steht für 40 Minuten.
Wir genießen die spektakuläre, rund 11 Minuten lange Seilbahnfahrt und die Ausblicke, die sie in alle Richtungen bietet. Aber für uns heißt es nach der langen Wartezeit leider, dass wir auf den Gipfel verzichten und bereits nach einem kurzen Spaziergang über das Plateau den Weg nach unten antreten müssen. Rückblickend hätten wir uns lieber in die kürzere Schlange gestellt, auf eine Gondel mit Glasboden verzichtet und dafür den Gipfel erwandert.
Auf der Fahrt nach unten ist Malte gut abgelenkt: Er beobachtet sehnsüchtig die Biker im riesigen Bikepark, den man wunderbar von der Gondel aus überblicken kann. Dass sogar die Biketrails in der Gondel ausgeschildert sind, macht ihn da nicht weniger neidisch.
Garibaldi Lake
Auch wir können uns Social-Media-Hypes nicht ganz entziehen und wollten die Joffrey Lakes unbedingt als Fotohighlights mitnehmen. Der Wecker für den Day Pass ist gestellt, das Internet stabil, aber irgendwie gibt es trotzdem keine Tickets. Ein bisschen Recherche hier und da zeigt uns, dass der See zeitweise für kulturelle und spirituelle Zeremonien der Lilwat Nation und der N’Quatqua First Nation abgesperrt ist. Schade für uns, aber ehrlicherweise freuen wir uns darüber, dass zumindest ab und an noch auf Bräuche und Traditionen Rücksicht genommen wird.
Als Alternative suchen wir uns den Garibaldi Lake. Dieser soll ebenfalls das wunderschön sein, allerdings ist die Wanderung dorthin konditionell ein wenig anspruchsvoller. Wir beschließen recht zeitig mit unserem Bärenglöckchen loszuziehen und sind auch ziemlich alleine unterwegs. Es geht von Anfang an stetig in Serpentinen durch den Wald den Berg hinauf, bis sich lange versteckt hinter Bäumen plötzlich der leuchtend türkise See vor einem öffnet. Während wir gemütlich picknicken, erinnern uns die bärensicheren Lagerungsmöglichkeiten für Rucksäcke und Essen daran, dass wir hier vielleicht doch nicht ganz so alleine sind.
Auf dem Rückweg zurück zum Parkplatz wird es dann deutlich voller und uns kommen genau zwei Arten von Gruppen entgegen:
- Gruppe: Gut ausgestattet und offensichtlich mit dem richtigen Fitnesslevel
- Gruppe: Instagram-Influencer bzw. solche, die es werden wollen. Ein Liter Wasser zu zweit. Klar. Reicht. Im Rucksack nur Kleidchen statt Snacks? Sicher. Uns 400 Meter vom Parkplatz weg fragen, wie weit es noch ist und von der Aussage: „noch so 7,5 km bis zum See“ schockiert sein? Selbstverständlich.
Daher ist es nur nachvollziehbar, dass jeden Tag eine Parkrangerin ihren Dienst am Parkplatz versieht, Leute anspricht, aufklärt und trotzdem abends die 3,5 Stunden Wanderung noch einmal macht, um Übriggebliebene einzusammeln und ggf. zu retten.
Wanderung: Garibaldi Lake





